Die Berufe, in denen Narzissten sich besonders wohlfühlen – und warum das eigentlich total Sinn ergibt
Mal ehrlich: Wir alle kennen diesen einen Typen im Büro. Der Chef, der ständig im Mittelpunkt stehen muss. Die Kollegin, die jede Meeting zu ihrer persönlichen Show macht. Oder den Manager, der Kritik persönlich nimmt, als hätte man gerade sein Erstgeborenes beleidigt. Und manchmal fragt man sich schon: Warum scheint es in manchen Jobs einfach mehr von diesen Leuten zu geben?
Gute Nachrichten: Du hast dir das nicht eingebildet. Die Wissenschaft hat sich genau diese Frage gestellt und dabei ziemlich krasse Muster entdeckt. Bestimmte Berufe ziehen Menschen mit narzisstischen Zügen an wie das Licht die Motten. Und nein, das ist keine Verschwörungstheorie aus der Kaffeeküchenecke – das sind handfeste Forschungsergebnisse, die erklären, warum dein Arbeitsalltag manchmal wie eine Episode aus einer Reality-Show wirkt.
Was genau meinen wir eigentlich mit narzisstischen Zügen?
Bevor wir in die Details einsteigen, lass uns kurz klären, worüber wir hier reden. Narzisstische Züge sind nicht dasselbe wie eine narzisstische Persönlichkeitsstörung – das wäre die klinische Vollversion, sozusagen. Wir sprechen hier von Menschen, die ein übersteigertes Selbstwertgefühl haben, ständig Bewunderung brauchen und oft Schwierigkeiten damit haben, sich in andere hineinzuversetzen. Sie haben dieses grandiose Selbstbild und suchen permanent nach Bestätigung von außen.
Ein bisschen Selbstbewusstsein und Durchsetzungsvermögen ist völlig normal und sogar hilfreich. Wir bewegen uns in einem Graubereich. Problematisch wird es erst, wenn diese Eigenschaften so extrem werden, dass das ganze Team darunter leidet. Wenn aus gesundem Selbstvertrauen ein toxisches „Ich bin der Größte und alle anderen sind Statisten in meiner Show“ wird.
Die Zahlen lügen nicht – und sie sind ziemlich krass
Jetzt kommt der Teil, der wirklich Augen öffnet. Laut Forschungsergebnissen finden sich narzisstische und psychopathische Persönlichkeitszüge in Führungspositionen drei bis vier Mal häufiger als im Bevölkerungsdurchschnitt. Lies das nochmal: Drei bis vier Mal häufiger. Das ist keine statistische Randnotiz – das ist ein massiver Unterschied, der erklärt, warum so viele von uns schon mal unter einem toxischen Chef gelitten haben.
Aber warum ist das so? Die Antwort liegt in etwas, das Psychologen als Selektionseffekt bezeichnen. Bestimmte Jobs bieten genau das, wonach Menschen mit narzisstischen Tendenzen suchen: Macht, Sichtbarkeit, Bewunderung und die Möglichkeit, andere zu beeinflussen. Und hier kommt der Clou: Die Eigenschaften, die diese Menschen mitbringen – Charme, Risikobereitschaft, übermäßiges Selbstvertrauen – helfen ihnen anfangs dabei, in genau diese Positionen aufzusteigen. Erst später, wenn es um Teamarbeit und echte Führungskompetenz geht, zeigen sich die Probleme.
Manager und CEOs – die unangefochtene Nummer Eins
Überraschung: Führungspositionen stehen ganz oben auf der Liste. Manager, CEOs, Geschäftsführer – diese Jobs sind wie geschaffen für Menschen, die im Mittelpunkt stehen wollen. Die Forschung ist hier ziemlich eindeutig, und mehrere Studien bestätigen, dass gerade in der Chefetage narzisstische Züge besonders häufig vorkommen.
Das macht aus psychologischer Sicht auch total Sinn. Diese Positionen bieten alles, was das narzisstische Herz begehrt: maximale Macht, Entscheidungsgewalt über andere Menschen und ständige Aufmerksamkeit. Du bist der Boss, alle schauen zu dir auf, und wenn du eine Entscheidung triffst, müssen alle anderen nicken und es umsetzen. Für jemanden, der ständig Bestätigung braucht, ist das der absolute Jackpot.
Dazu kommt noch ein weiterer Faktor: Der Weg nach oben ist hart und erfordert oft, dass man über Leichen geht – zumindest im übertragenen Sinne. Menschen mit viel Empathie zögern manchmal bei schwierigen Entscheidungen, die andere verletzen könnten. Narzisstische Persönlichkeiten? Die haben damit deutlich weniger Probleme. Das verschafft ihnen einen Wettbewerbsvorteil auf dem Weg zur Spitze.
Chirurgen – Prestige trifft auf Macht
Chirurgen tauchen in praktisch jeder wissenschaftlichen Auflistung zu diesem Thema auf. Und wenn man drüber nachdenkt, ist das eigentlich logisch. Der Beruf kombiniert hohes gesellschaftliches Ansehen mit einer Position, in der man buchstäblich über Leben und Tod entscheidet. Im OP ist der Chirurg der unangefochtene Chef, alle anderen assistieren nur. Diese Hierarchie ist kristallklar und unangefochten.
Dazu kommt das Prestige. Chirurgen genießen enormen Respekt in der Gesellschaft. Sie retten Leben, sie machen komplizierte Eingriffe, über die später alle staunen. Für Menschen, die nach Bewunderung streben, ist das perfekt. Und ja, natürlich erfordert der Beruf auch echtes Können und jahrelanges Training – aber die Persönlichkeitsstruktur, die sich zu diesem Beruf hingezogen fühlt, hat oft narzisstische Komponenten.
Interessanterweise erfordert die Arbeit im OP auch emotionale Distanz. Man kann nicht bei jeder Operation in Tränen ausbrechen – man muss funktionieren, auch unter extremem Druck. Diese Fähigkeit zur emotionalen Abschottung fällt narzisstischen Persönlichkeiten oft leichter als anderen. Was im Beruf ein Vorteil sein kann, wird im zwischenmenschlichen Bereich dann zum Problem.
Anwälte, Journalisten und Verkäufer – wenn Aufmerksamkeit zur Währung wird
Anwälte erscheinen ebenfalls prominent in der Forschungsliteratur. Der Rechtsberuf ist von Natur aus konfrontativ und wettbewerbsorientiert. Besonders im Gerichtssaal wird das deutlich: Es geht darum, zu gewinnen, die Gegenseite zu dominieren und durch rhetorische Brillanz zu überzeugen. Das ist praktisch eine Bühne für Menschen, die gerne im Rampenlicht stehen. Der Beruf bietet außerdem enormes Prestige und oft auch finanzielle Belohnungen. Erfolgreiche Anwälte werden bewundert für ihre Intelligenz und ihre Durchsetzungsfähigkeit.
Das überrascht viele, ist aber wissenschaftlich gut dokumentiert: Journalisten tauchen regelmäßig auf Listen von Berufen mit erhöhten narzisstischen Tendenzen auf. Warum? Weil der Job im Kern darum geht, im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu stehen und Narrative zu kontrollieren. Journalisten formen die öffentliche Meinung. Sie entscheiden, welche Geschichten erzählt werden und wie sie erzählt werden. Besonders im Fernsehen oder bei bekannten Publikationen kommt noch die persönliche Bekanntheit hinzu. In Zeiten von Social Media hat sich dieser Aspekt noch verstärkt – Journalisten bauen ihre eigenen Marken auf, sammeln Follower und genießen direkte Aufmerksamkeit.
Verkaufsberufe ziehen ebenfalls Menschen mit narzisstischen Zügen an. Der Grund ist offensichtlich: Erfolgreicher Verkauf basiert auf Überzeugungskraft, Selbstvertrauen und der Fähigkeit, Menschen für sich einzunehmen. Der oberflächliche Charme, der typisch für Narzissmus sein kann, wird im Verkauf zum wertvollen Asset. Kunden kaufen von Menschen, die sie mögen und denen sie vertrauen. Narzisstische Verkäufer können diesen Charme gezielt einsetzen, ohne dabei echte emotionale Bindungen eingehen zu müssen. Besonders in Bereichen mit hohen Provisionen oder Boni wird Erfolg direkt belohnt – und zwar oft finanziell messbar. Das füttert das Bedürfnis nach Bestätigung perfekt.
Die Unterhaltungsbranche – wo Narzissmus Teil der Jobbeschreibung ist
Hier wird es wirklich offensichtlich. Schauspieler, Musiker, TV-Persönlichkeiten, Influencer – Menschen in der Unterhaltungsbranche leben buchstäblich von Aufmerksamkeit und Bewunderung. Das ist nicht mal ein Nebeneffekt des Jobs, sondern der eigentliche Kern. Du musst im Mittelpunkt stehen wollen, um in dieser Branche erfolgreich zu sein.
Die ständige Bewunderung, die Fan-Basis, die Social-Media-Likes, der Applaus – all das füttert narzisstische Bedürfnisse perfekt. Hier ist es sogar gesellschaftlich akzeptiert und erwünscht, eine ausgeprägte Persona zu pflegen und sich selbst zu inszenieren. Was in anderen Kontexten als unangenehm empfunden würde, ist hier Teil des Erfolgsrezepts. Forschung zu Reality-TV-Stars hat gezeigt, dass diese Gruppe besonders hohe Narzissmus-Werte aufweist. Das macht Sinn: Man muss schon ein bestimmtes Maß an Selbstbezogenheit mitbringen, um freiwillig sein Leben vor Kameras auszubreiten und dabei permanent im Mittelpunkt stehen zu wollen.
Die überraschenden Kandidaten: Polizisten, Geistliche und Köche
Das überrascht viele: Auch Polizisten tauchen in wissenschaftlichen Auflistungen auf. Die Erklärung liegt in der Autoritätsposition, die der Beruf bietet. Polizisten haben Macht über andere Menschen, tragen eine Uniform als sichtbares Statussymbol und können Situationen kontrollieren. Für manche Menschen mit narzisstischen Zügen sind genau diese Aspekte attraktiv. Wichtig ist hier zu betonen: Die allermeisten Polizisten gehen aus den richtigen Gründen in den Beruf und leisten hervorragende Arbeit. Aber die Struktur des Berufs kann eben auch Menschen anziehen, die die Macht aus weniger konstruktiven Motiven suchen.
Das klingt auf den ersten Blick absurd: Sollten religiöse Führungspersonen nicht besonders bescheiden und empathisch sein? Die Forschung zeigt jedoch, dass auch Geistliche auf diesen Listen erscheinen. Die Position eines Geistlichen bietet moralische Autorität, die Bewunderung einer Gemeinde, eine buchstäblich erhöhte Plattform – die Kanzel – und oft unangefochten Respekt. Man wird als moralisch überlegen wahrgenommen und hat enormen Einfluss auf das Leben anderer Menschen. Diese Kombination kann für narzisstische Persönlichkeiten sehr verlockend sein. Das erklärt auch, warum Machtmissbrauch in religiösen Kontexten immer wieder vorkommt.
Spitzenköche erscheinen ebenfalls in der Forschung. Die Küchenhierarchie ist extrem ausgeprägt – der Chef de Cuisine steht an der Spitze einer militärisch organisierten Struktur. Dazu kommt kreative Kontrolle, das Potential für Ruhm durch Restaurantkritiken oder TV-Shows, und eine intensive, druckvolle Arbeitsumgebung. Diese Kombination schafft ein Umfeld, in dem autoritäre, selbstbezogene Führungsstile gedeihen können. Die Reality-TV-Shows über aggressive Starköche sind nicht nur Entertainment – sie spiegeln reale Dynamiken wider, die in der Gastronomie häufiger vorkommen als in vielen anderen Branchen.
Warum das alles wichtiger ist, als du denkst
Okay, jetzt weißt du, welche Berufe narzisstische Menschen anziehen. Aber was bringt dir das konkret? Tatsächlich eine Menge. Wenn du in einer dieser Branchen arbeitest und dich schon immer gefragt hast, warum die Arbeitsatmosphäre manchmal so toxisch ist, hast du jetzt eine Erklärung. Es liegt nicht nur an einzelnen schwierigen Personen – es gibt strukturelle Gründe, warum bestimmte Umfelder problematischer sind.
Dieses Wissen kann dir helfen, besser mit schwierigen Chefs oder Kollegen umzugehen. Wenn du erkennst, dass bestimmte Verhaltensweisen Teil eines narzisstischen Musters sind, kannst du strategischer reagieren und die Dinge weniger persönlich nehmen. Es geht nicht um dich – es geht um deren Bedürfnis nach Bestätigung und Kontrolle.
Für Unternehmen ist dieses Wissen ebenfalls wertvoll. Organisationen, die verstehen, dass ihre Branchenstruktur narzisstische Persönlichkeiten anzieht, können bewusst Gegenmaßnahmen ergreifen:
- Bessere Auswahlverfahren, die auch Empathie und Teamfähigkeit testen
- Kontrollmechanismen gegen Machtmissbrauch
- Führungskräftetraining, das toxisches Verhalten adressiert
All das kann helfen, gesündere Arbeitsumgebungen zu schaffen, auch in Branchen, die strukturell anfälliger für narzisstische Dynamiken sind.
Der wichtige Realitätscheck
Nach all diesen Informationen ist es entscheidend, das Ganze in Perspektive zu setzen. Wenn du Chirurg, Anwalt oder CEO bist, bedeutet das nicht automatisch, dass du narzisstisch bist. Die überwiegende Mehrheit der Menschen in diesen Berufen sind integre, empathische Personen, die ihre Arbeit aus den richtigen Gründen machen und dabei verdammt gute Arbeit leisten.
Was die Forschung zeigt, sind statistische Tendenzen – keine absoluten Wahrheiten über jeden einzelnen Menschen in diesen Berufen. Es gibt fantastische, fürsorgliche Chirurgen. Es gibt bescheidene CEOs, die echte Führungskompetenz zeigen. Es gibt empathische Anwälte, die für Gerechtigkeit kämpfen. Die Studien zeigen lediglich, dass die Wahrscheinlichkeit, auf narzisstische Züge zu treffen, in diesen Bereichen höher ist als anderswo.
Außerdem sind nicht alle narzisstischen Züge per se negativ. Ein gewisses Maß an Selbstbewusstsein, Durchsetzungsvermögen und dem Wunsch nach Anerkennung kann in moderaten Dosen sogar förderlich sein. Problematisch wird es erst bei extremen Ausprägungen, die mit Empathiemangel, Manipulation und der Unfähigkeit, Kritik anzunehmen, einhergehen.
Diese Forschung ist mehr als nur eine interessante Kuriosität für die nächste Party-Konversation. Sie bietet praktische Einsichten für unser Arbeitsleben. Wenn du einen Beruf wählst, kannst du bewusster entscheiden, ob du in einem Umfeld arbeiten möchtest, das potentiell mehr Menschen mit diesen Persönlichkeitszügen anzieht. Wenn du bereits in einem dieser Bereiche arbeitest, kannst du deine Erwartungen anpassen und bessere Strategien entwickeln, um mit schwierigen Situationen umzugehen. Das Wissen, dass toxisches Verhalten teilweise strukturelle Ursachen hat, kann enorm entlastend sein. Für die Gesellschaft insgesamt zeigt uns diese Forschung etwas Fundamentales: Wir wählen nicht nur Jobs – die Jobs wählen auch uns, indem sie bestimmte Persönlichkeitstypen anziehen und fördern. Die Arbeitswelt muss kein Spielplatz für toxisches Verhalten sein – aber nur wenn wir verstehen, wo und warum diese Muster auftreten, können wir aktiv dagegen arbeiten.
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